In der oststeirischen Gemeinde Gasen wurde am 6. April 2025 ein Stolperstein für Pfarrer Johann Grahsl (1887–1945) verlegt. Zahlreiche Menschen nahmen an der bewegenden Gedenkveranstaltung teil. Der Seelsorger war vor genau 80 Jahren von der Gestapo verschleppt worden und blieb seither verschwunden.
Pfarrer Johann Grahsl wirkte fast 30 Jahre in Gasen und prägte das Gemeindeleben weit über seine seelsorgerische Tätigkeit hinaus. Er war als vielseitig begabter Helfer bekannt – ob bei elektrotechnischen Arbeiten, Uhrenreparaturen, landwirtschaftlichen Fragen oder in medizinischen Notlagen. Zugleich war er ein wacher Beobachter der politischen Entwicklungen seiner Zeit.
Nach dem „Anschluss“ 1938 wurde Grahsl aufgrund seiner NS-kritischen Haltung mehrfach denunziert, kurzzeitig verhaftet und unter Druck gesetzt. Eine Unterschriftenaktion der Gasner Bevölkerung konnte damals seine Versetzung verhindern. Doch im April 1945 wurde er von Nationalsozialisten aus dem Pfarrhof verschleppt – kurz vor dem Ende des Regimes. Erst 1948 wurde er offiziell für tot erklärt.
Bereits 1959 erinnerte eine Gedenktafel an der Außenwand der Pfarrkirche an den verschwundenen Pfarrer. Mit der Verlegung des Stolpersteins vor dem Pfarrhof – jenem Ort, an dem Grahsl zuletzt gewirkt hatte – wurde dieses Gedenken nun erweitert und erneuert.
Die Funktion von Stolpersteinen umreißt Mag. Thomas Stoppacher vom Verein für Gedenkkultur so:
Stolpersteine erzählen Geschichten und erinnern uns vor Ort an die Verbrechen der Nationalsozialisten.
Die Veranstaltung begann mit einer Gedenkmesse in der Pfarrkirche, gehalten von Bischofsvikar Monsignore Gerhard Hörting, der Bischof Wilhelm Krautwaschl kurzfristig vertrat. Hörting, selbst in der Oststeiermark aufgewachsen, würdigte Grahsl als mutigen Mann des Glaubens und der Zivilcourage.
Das Gedenken an Pfarrer Grahsl war und ist Bischof Krautwaschl ein wichtiges Anliegen:
Nehmen wir uns ein Vorbild an Pfarrer Johann Grahsl in der Hoffnung auf Gott, damit wir vor nichts und niemandem Angst haben müssen, im Füreinander in unserer polarisierten Zeit, in der Vergebung, denn sie ermöglicht Zukunft, und im Bestreben, missionarisch zu leben und Jesu befreiende Botschaft hinauszutragen. Gerade sie vermag es, ein neues Zu- und Miteinander aufleben zu lassen, nach dem wir uns so sehnen.
Im Anschluss versammelten sich die Teilnehmer:innen auf dem Kirchplatz zur Verlegung des Stolpersteins. Für die feierliche musikalische Umrahmung sorgten der Musikverein Gasen und Clemens Ritter, der die Kirchenmusik gestaltete.
Bürgermeister Erwin Gruber betonte in seiner Rede, wie wichtig die Erinnerung an die Verbrechen der NS-Zeit als Mahnung gegen Hass und Hetze heute sei. Auch Franz Hinterleitner, Vorsitzender des Pfarrgemeinderats, hob die Bedeutung historischer Verantwortung für künftige Generationen hervor. Die Initiative zur Verlegung des Stolpersteins ging auf die Gasnerin und pensionierte Lehrerin Annemarie Seitinger zurück, deren Idee breite Unterstützung fand.
Zeitzeugin Elisabeth Leskovar (geb. 1938) erinnerte in einer sehr persönlichen Ansprache an ihre Kindheitserlebnisse mit dem charismatischen, aber strengen Pfarrer und schilderte eindrücklich die Reaktionen der Dorfgemeinschaft auf sein plötzliches Verschwinden.
Die Historiker Thomas Stoppacher und Marco Jandl, beide Mitglieder des Vereins für Gedenkkultur, erläuterten die Bedeutung der Stolpersteine als dezentrale Mahnmale für Opfer des Nationalsozialismus. Sie würdigten das außerordentliche Engagement der Gemeinde Gasen, die mit breiter Beteiligung ein starkes Zeichen der Erinnerungskultur gesetzt habe.
Ein wesentlicher Beitrag zur Aufarbeitung des Schicksals von Johann Grahsl stammt vom gebürtigen Gasner Martin Pöllabauer. In jahrelanger Recherche rekonstruierte er Leben, Wirken und Tod des Pfarrers und veröffentlichte kürzlich ein Buch darüber – herausgegeben vom örtlichen Dorf- und Gemeindeentwicklungsverein. Bei der Gedenkveranstaltung trug Pöllabauer bewegende Episoden aus seiner Forschung vor und gab neue Einblicke in die Persönlichkeit Grahsls.
Der Verein für Gedenkkultur produzierte auch einen kurzen Infofolder, der im Gemeindeamt aufgelegt wird und zukünftigen Besucher:innen Informationen zu Pfarrer Grahsl und dem Stolperstein bietet.